Die Oberstufe

Nach dem zweiten Lebensjahrsiebt erwacht in den Jugendlichen mehr und mehr das Interesse an der Welt und den individuellen beruflichen und sozialen Möglichkeiten.

 

Was bedeutet „Oberstufe“?

Die 9. Jahrgangsstufe bildet den Übergang von der Mittelstufe (ab Klasse 7) in die Oberstufe, die die Schüler idealerweise bis Klasse 12 durchlaufen. Erst dann ist der Bildungsgang der Waldorfschule abgeschlossen. Für einen großen Teil der Schülerschaft schließt sich ein einjähriger Abiturzweig nach Maßgabe der öffentlich anerkannten Richtlinien (Zentralabitur) an.

 

Welche Ziele werden verfolgt?

Neben dem Erwerb eines Waldorfabschlusses nach Klasse 12 und entsprechender anderer Abschlüsse vor allem:

  • Lernen in, an und mit der Gemeinschaft
  • Weltinteresse, Offenheit für verschiedene Kulturen und Menschen
  • Hinführung zu selbstständigem Urteilen in wissenschaftlichen, ethischen, ästhetischen und technischen Bereichen
  • Soziales Interesse und Verantwortungsreife
  • Initiativkraft und Freude am Tätigsein

 

Fachunterricht, Praktika und Berufsorientierungsgruppe

Das Bedürfnis nach Orientierung und Zukunftsperspektiven wird sowohl im Unterricht, durch das Angebot der verschiedenen Praktika als auch in der Berufsorientierungsgruppe (BOG) der Schule aufgegriffen. Fachwissen wird jetzt wichtig, nicht ausschließlich jedoch als abrufbares Detailwissen, sondern im Sinne einer innerlichen Verbindung mit Wissensinhalten und einem Bezug zur Welt sowie zur eigenen Persönlichkeit.

 

Lernverantwortung und individuelle Urteilskompetenzen

Nach der behüteten Unter- und Mittelstufenzeit übernehmen die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe in immer stärkerem Maße die Verantwortung für ihr Lernen. Vor diesem Hintergrund werden sie auch zunehmend dazu angehalten, ihre Lernfortschritte selbstständig zu reflektieren. Die Auseinandersetzung mit den Natur- und Geisteswissenschaften rückt in den Vordergrund. Nun gilt es, die Bewegungsfreude der jüngeren Klassen in eine individuelle seelisch-geistige Beweglichkeit zu verwandeln und dadurch auf den verschiedensten Lebensfeldern urteilsfähig zu werden.

 

Praktika, Handwerk und Kunst

Um den jungen Menschen vielfältige Zugänge zur Auseinandersetzung mit der Welt zu eröffnen, finden jährliche außerschulische Praktika statt, die von der Land- und Forstwirtschaft über die industrielle Produktion bis hin zu sozialen Aufgabenbereichen führen. Die weiterhin geübten handwerklichen und künstlerischen Disziplinen – Tischlern, Schmieden, Schneidern, Malen, Plastizieren, Musizieren und die Eurythmie – sorgen dafür, dass die Schülerinnen und Schüler nicht einseitig kognitiv lernen. Die Kunstbetrachtung zieht in den Unterricht ein.

 

Die 12. Klasse – das Ende der Waldorfschulzeit

Am Ende des 12. Schuljahres begegnen sich die Schülerinnen und Schüler noch einmal intensiv in der Erarbeitung eines modernen Theaterstückes, bei der Vorstellung ihrer individuellen Jahresarbeiten, dem künstlerischen Abschluss und bei einer großen Klassenfahrt.

 

Was ist neu im Unterrichtsplan?

Der Epochenunterricht am Morgen und am Nachmittag sowie der Kanon der allgemeinbildenden Fächer wird beibehalten, allerdings durch besondere praktische und künstlerische Projekte erweitert: handwerkliche Kurse und Landwirtschaftspraktikum in Klasse 9, handwerkliche Kurse, Feldmesspraktikum (praktische Mathematik) und Berufspraktikum in Klasse 10, Sozialpraktikum und Berlinfahrt mit politisch-historischem Bildungsschwerpunkt, Geva-Test (Berufseignungstest mit Beratungsgespräch) in Klasse 11, individuelle Abschlussarbeit, Theaterprojekt, Eurythmieabschluss und kulturell orientierte Studienfahrt in Klasse 12.

 

Wo ergeben sich Differenzierungen?

In den Klassen 9 und 10 wird auf Leistungsdifferenzierung weitgehend verzichtet. Ab Klasse 11 werden klassenübergreifende Jahrgangsgruppen in den Fremdsprachen und in Mathematik eingerichtet sowie eine Politikgruppe mit dem Ziel, den Einzelnen besser fördern und adäquat auf die ZP10-Prüfungen vorbereiten zu können. Klasse 12 bietet einen Zweig mit der Möglichkeit einer intensiven Berufseinführung neben den allgemeinbildenden Fächern in der Berufsorientierungsgruppe (BOG) sowie einen Abiturzweig, in dem gleichwohl die künstlerischen Fächer und Projekte für alle Schüler verbindlich sind.

 

Kann man in der Oberstufe noch in die Waldorfschule wechseln?

Generell kann dies bejaht werden. Voraussetzungen sind Interesse für schon bekannte und noch unbekannte Unterrichtsinhalte (z.B. Eurythmie), der Wille sich in die Klassengemeinschaft zu integrieren, und ein angemessenes Leistungsniveau besonders in prüfungsrelevanten Fächern.

 

Was wird über den Unterricht hinaus erwartet und geboten?

Die Schule begreift sich als Gemeinschaft, zu der Eltern und besonders Schüler der Oberstufe durch zunehmend selbstständiges Engagement beim jährlichen Basar und Sommerfest, bei Tagen der offenen Tür und anderen Sonderveranstaltungen beitragen. Der Besuch und die Mitgestaltung von Schulfeiern zu bestimmten Anlässen ist für alle verbindlich. Die Schule bietet darüber hinaus gerade den älteren Schülern Gelegenheit für initiatives Handeln z. B. im Bereich Streitschlichtung, Schulsanitätsdienst, Bühnenbeleuchtung, Anleitung in verschiedenen Sportarten, Nachhilfe für jüngere Schüler oder beim jährlichen Aktionstag „Waldorf Weltweit“.

 

Und wenn man Fragen hat?

Der Unterrichtsplan bietet den Schülern Gelegenheit für Sonderwege – sei es ein verlängertes Praktikum oder eine Auszeit mit Tätigkeit in einem gewünschten Bereich. Klassenbetreuer und Fachlehrer stehen für Perspektivgespräche nicht nur beim jährlichen Elternsprechtag zur Verfügung, auch regelmäßige Elternabende (ca. alle zwei Monate) ermöglichen den Informationsaustausch. Ebenfalls können eine Berufsberaterin sowie VertreterInnen des Projekts „Gesunde Schule“ zu Rate gezogen werden.